26. Januar 2012: Neue Studie zeigt Zusammenhang zwischen arktischer Meereisbedeckung im Sommer und dem Winterwetter in Mitteleuropa

02. April 2013

Potsdam/Bremerhaven, den 26. Januar 2012. Auch wenn die aktuelle Wetterlage scheinbar dagegen spricht: Die Wahrscheinlichkeit f√ľr kalte, schneereiche Winter in Mitteleuropa steigt, wenn die Arktis im Sommer von wenig Meereis bedeckt ist. Wissenschaftler der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts f√ľr Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft haben einen Mechanismus entschl√ľsselt, wie eine schrumpfende sommerliche Meereisbedeckung die Luftdruckgebiete in der arktischen Atmosph√§re ver√§ndert und dar√ľber unser europ√§isches Winterwetter mitbestimmt. Diese Ergebnisse einer globalen Klimaanalyse haben sie k√ľrzlich in einer Studie in der Fachzeitschrift Tellus A ver√∂ffentlicht.

Taut im Sommer das arktische Meereis besonders stark ab, wie in den letzten Jahren beobachtet, kommt es zur Verst√§rkung zweier wesentlicher Effekte: Zum einen legt das Verschwinden der hellen Eisoberfl√§che den dunkleren Ozean frei, wodurch sich dieser im Sommer unter Sonneneinstrahlung st√§rker erw√§rmen kann (Eis-Albedo-R√ľckkopplung). Zum anderen kann das zur√ľckgegangene Eis nicht mehr verhindern, dass im Ozean gespeicherte W√§rme an die Atmosph√§re abgegeben wird (Deckel-Effekt). Durch die geringere Meereisbedeckung wird somit insbesondere im Herbst und Winter die Luft st√§rker als in fr√ľheren Jahren erw√§rmt, denn in dieser Zeit ist der Ozean w√§rmer als die Atmosph√§re. ,,Diese erh√∂hten Temperaturen sind anhand aktueller Messdaten in den arktischen Gebieten nachweisbar", berichtet Ralf Jaiser, Erstautor der Ver√∂ffentlichung von der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts.

Durch die bodennahe Erwärmung der Luft kommt es zu aufsteigenden Bewegungen, die Atmosphäre wird instabiler. ,,Wir haben die komplexen nichtlinearen Prozesse analysiert, die hinter dieser Destabilisierung stecken, und gezeigt, wie sich die so veränderten Bedingungen in der Arktis auf typische Zirkulations- und Luftdruckmuster auswirken", so Jaiser weiter. Eines dieser Muster ist der Luftdruckgegensatz zwischen der Arktis und den mittleren Breiten: die sogenannte Arktische Oszillation mit den Azoren-Hochs und Island-Tiefs, die man aus dem Wetterbericht kennt. Ist dieser Gegensatz hoch, entsteht ein starker Westwind. Er trägt im Winter warme, feuchte atlantische Luftmassen bis tief nach Europa. Bleibt dieser aus, kann kalte arktische Luft bis nach Europa vordringen, wie in den letzten beiden Wintern. Die vorliegenden Modellrechnungen zeigen, dass der Luftdruckgegensatz bei geringerer sommerlicher arktischer Meereisbedeckung im darauf folgenden Winter abgeschwächt wird, so dass arktische Kälte bis in die mittleren Breiten vordringen kann.

Trotz der geringen Meereisausdehnung im Sommer 2011 ist bei uns in Deutschland ein kalter, schneereicher Winter bisher ausgeblieben. Jaiser erkl√§rt das folgenderma√üen: ,,Nat√ľrlich spielen im komplexen Klimasystem unserer Erde viele weitere Faktoren eine Rolle, die sich teilweise gegenseitig √ľberdecken. Unsere Modellvorstellung erkl√§rt die Mechanismen, wie sich regionale √Ąnderungen in der arktischen Meereisbedeckung global und √ľber einen Zeitraum von Sp√§tsommer bis Winter auswirken. Weitere Mechanismen h√§ngen beispielsweise mit der Schneebedeckung Sibiriens oder tropischen Einfl√ľssen zusammen. Die Wechselwirkungen zwischen diesen Einflussfaktoren sind dabei Gegenstand zuk√ľnftiger Forschungsarbeiten und bilden so bislang eine Unsicherheit f√ľr Prognosen."

Weitere Mechanismen zu finden, zu analysieren und mit ihrer Hilfe in Modellen das Klimasystem ,,Erde" korrekt abzubilden, ist das Ziel der Potsdamer Forscher. ,,Unsere Arbeiten tragen dazu bei, die bestehenden Unsicherheiten der globalen Klimamodelle zu verringern und  glaubw√ľrdigere regionale Klimaszenarien zu entwickeln - eine wichtige Grundlage, damit die Menschen sich an ver√§nderte Bedingungen anpassen k√∂nnen", ordnet Prof. Dr. Klaus Dethloff, der die Sektion Atmosph√§rische Zirkulation an der Forschungsstelle Potsdam des Alfred-Wegener-Instituts leitet, die Studien ein.

 

Titel der Originalveröffentlichung: R. Jaiser, K. Dethloff, D. Handorf, A. Rinke, J. Cohen, Impact of sea ice cover changes on the Northern Hemisphere atmospheric winter circulation, Tellus A 2012, 64, 11595; DOI: 10.3402/tellusa.v64i0.11595 (http://www.tellusa.net/index.php/tellusa/article/view/11595)


Den Original-Artikel finden Sie
hier

Quelle: Bild und Text: www.awi.de

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